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Keine Rezepte: Einklang stellt sich einfach ein

6

August

UNISON _meinklang-Blog_Wachstum und Selbstentwicklung

Ich sprach beim Mittagessen mit einem Freund darüber, dass es in Internetblogs und Seminarangeboten allenthalben scheinen will, als habe jede und jeder genau DAS Rezept gefunden (oder erfunden), um persönlich oder spirituell zu wachsen und zu einem glücklichen Menschen zu werden. „Und? Gibt es solche Rezepte?“ fragte ich ihn. Er antwortete trocken, dass der Mensch nunmal der hartnäckigen Sucht unterläge, den Dingen und sich selbst Bedeutung zu verleihen.

Ich wurde erstmal still. Denn ehrlich, auch ich kenne den Gedanken: „Wenn ich nur das und das tue und erreiche, bin ich endlich die Person, die ich schon immer sein wollte!“ Doch dazu kommt es (zum Glück!) nie – gefüttert wird nur die irrsinnige Idee der Selbstperfektionierung. Endlich dort angekommen, so hoffen wir, dürfen wir in die große Karotte beißen, der wir schon unser ganzes Leben lang nachhecheln: Alle Welt liebt uns, denn wir sind jetzt makellos… Das ist der Punkt, wo wir unserer Bedeutungssucht definitiv auf den Leim gegangen sind und es oft noch nicht einmal merken. Doch was bleibt?

Der Mythos der Selbstperfektion

Vor gut zwanzig Jahren lebte ich in Los Angeles und hatte gerade mit Begeisterung angefangen, Yoga zu machen. In meinem Yogastudio lag ein Artikel des Zen-Veteranen Alan Watts aus mit dem Titel: „The Myth of Self-Perfection“. Ich verschlang den Artikel – und verstand kein Wort! Was war falsch daran, sich immer weiter entwickeln zu wollen – körperlich, geistig, seelisch? Wieso war das ein Mythos? Obwohl ich ihn damals nicht verstanden habe (mit Mitte zwanzig hat man eben noch eine andere Sicht auf die Dinge) habe ich diesen Artikel nie vergessen.

Ich blickte nun meinen Freund an und mir kam ein Satz in den Sinn, der sich in den letzten Wochen gewissermaßen selbst zum Leitspruch meiner Praxis gekürt hatte: „Einklang stellt sich einfach ein“. Hier war die Antwort. Nicht wir erzeugen Einklang von Körper, Geist und Seele, sondern Einklang STELLT SICH EIN, ganz ohne unser Zutun. Und je mehr man gekostet hat von solchen Momenten, in denen sich plötzlich eine Tiefendimension des Lebens öffnet, je vertrauter man mit ihnen wird, desto mehr begreift man, dass es wirklich nichts zu tun gibt. Jegliches Rezept für persönliches und/oder spirituelles Wachstum ist schon von der Anlage her eine Illusion. Es gibt nichts zu tun, aber es gibt eine ganze Menge zu SEIN.

Vom Tun zum Sein

Seit jener Zeit in L.A. habe ich verstanden, dass der einzig wirklich produktive Akt unseres Lebens darin liegt, unsere Aufmerksamkeit zu sammeln und bewusst auszurichten – dem Leben präsent zu sein. Unter diesem gesammelten inneren Blick stellt Einklang sich wirklich von ganz alleine ein – und es ist SO EINFACH! Doch sind wir für diese Einfachheit des Jetzt und des Jetzt und des Jetzt bereit? In jedem Jetzt geschieht Wachstum und Veränderung, doch nicht entlang irgendwelcher großangelegter „Gratifikationsbögen“, sondern völlig unspektakulär aus dem gegenwärtigen Moment heraus. Unterm Strich macht das eine weitaus organischere, ja poetischere Lebenslinie. Was bleibt? In jedem Moment zu dem zu werden, was wir bereits sind.

Chapeau, Alan Watts.

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